'Bauwelt' reviews Archipelago conference

The German architectural weekly magazine reviews the Archipelago of Exception conference in its last issue.

Archipelago of Exception

Angesichts der jüngsten Ausschreitungen in den französischen Vororten, hätte die Konferenz ‚Archipelago of Exception’, die am 10. Und 11. November Aspekte von Souveränität und Extraterritorialität in räumlicher Perspektive untersuchte, zu keinem besseren Zeitpunkt stattfinden können. In Kooperation mit dem Zentrum für zeitgenössische Kultur in Barcelona (CCCB), wurde sie von dem Architekten Eyal Weizman, der in London das Postgraduierten-Zentrum für ‚Research Architecture’ am Goldsmiths College leitet, dem Kurator Anselm Franke, Ausstellungsleiter von Kunst-Werke in Berlin, sowie Thomas Keenan, Professor der vergleichenden Literaturwissenschaften am Bard College in New York organisiert.

Auf Grund der Bezugnahme der Konferenz auf die Arbeiten des italienischen Philosophen Giorgio Agamben, war es nur folgerichtig, dass der Meister selbst den Einführungsvortrag hielt, in dem er auf die Ursprünge des Ausnahmezustands, dem in den westlichen Demokratien eine immer größere Bedeutung zukommt, und dessen räumliches Pendant – das Lager – einging. Er führte die Notwendigkeit einer Theorie des Ausnahmezustands aus, die uns dann Werkzeuge geben könnte um mit diesen immer häufiger auftretenden räumlichen Konstellationen umzugehen. Nachdem Tariq Ali, Herausgeber des New Left Review das ‚imperiale Übel’ durch alle möglichen Kategorien dekliniert hatte, von der globalen amerikanischen Militärpräsenz bis zu dessen ‚outsourcen’ von Terror, zeigte das folgende Forum ‚architecture of extraterritoriality’ mit mehreren hervorragenden Präsentationen, wie Architekten über das einfache Illustrieren des Bösen hinausgehen können. Keller Easterling, Laura Kurgan, und Tedy Cruz berichteten von ökonomische Sonderzonen, die zum Teil ganze Staaten wie Dubai umfassen können und bestens in Kooperation mit den Enklaven des Militärs gedeihen; demonstrierten brillant die politische Kraft von (Mikro-) Kartographie mit den Millionen-Dollar Blocks in Brooklyn, jene Häuserblöcke in denen mehr als eine Million Dollar vom Staat dafür ausgegeben wird, die Bewohner ins Gefängnis zu schicken und sie deshalb zur best bezahlten öffentlichen Einrichtungen werden; und boten eine alternative Strategie des ‚Mikro-Urbanismus’ und der ‚Mikro-Politik“ für die Grenzregion von San Diego und Tijuana an, wo Politik und Investment ihre Unfähigkeit bewiesen haben mit den existierenden Stadtstrukturen umzugehen. Eyal Sivan, israelischer Filmemacher, folgte mit seinen Dokumentationen der Frage wie, im Fall der palästinensischen Flüchtlingslager, sich das Konzept des Flüchtlings verändert, wenn der Flüchtling nicht mehr flieht, sondern zu einem permanenten Zustand wird. Weizman schloss den ersten Tag mit seiner Arbeit zu den räumlichen Aspekten des Israelisch-Palästinensischen Konflikts, die zeigt wie Form und Gestalt ein direktes Ergebnis der politischen Kräfte sind, die auf dem Boden einwirken.

Die hitzigste Diskussion entstand um die Präsentationen von Stephen Graham und Shimon Naveh. Graham, Professor für Geographie in Durham erklärte die neuen Waffentechnologien mit einem Streben nach Allmächtigkeit und einer rassistischen, imaginären Geographie der Weltkarte, die den Globus in einen ‚funktionierenden Kern’ und eine ‚nicht-funktionierende Lücke’ einteilt. Naveh, ehemaliger General der israelischen Armee und Direktor des ‚Operational Theory Research Institute’, zeigte seine Arbeit über komplexe Militär-Strategien, auf Theorien der Kybernetik beruhend, nachdem er zuvor in einer überraschenden Offenheit Geschichten aus dem ‚Schlachtenzimmer’ erzählt hatte, wo Soldaten die Angriffspläne zu einer Offensive auf ein Flüchtlingscamp im Westjordanland beraten. Er kam unter heftige Kritik der Teilnehmer für seine recht unglückliche Position, Sympathie für die Sache der Palästinenser zu empfinden aber in einer kritischen Haltung zu verharren, die nie kritisch genug sein konnte um die Konsequenzen aus seiner Tätigkeit zu ziehen. Es entstand eine heftige Diskussion über die Verantwortung und Einflussmöglichkeit des Handelnden in einem Feld des Ausnahmezustandes und über Fragen wie sich ein kohärentes System in einem Feld von einzeln und unabhängig agierenden Akteuren entwickelt ohne dass ein Masterplan im klassischen Sinne vorhanden ist.

Abschließend führte Anselm Franke aus, wie Politik heute über räumliche Form sowie über die physischen Veränderungen, die sie im Boden hinterlässt, zu verstehen ist: Politik ist eine Tätigkeit im Räumlichen. Daher sind planenden Berufe, wie Architekten, wichtige Akteure wenn es darum geht, Phänomene der Banlieus oder der besetzten Gebiete im West-Jordanland zu deuten, und dann Möglichkeiten anzubieten wie diese Zustände überwunden werden können. Die Konferenz zeigte die Notwendigkeit mehr zu tun, als solche Lager-ähnlichen zu identifizieren, was einer Resignation der darin geltenden Situation gleichkommen würde, sondern Reaktionen darauf als räumliche Handlungsweisen aufzuzeigen. Agamben meinte dazu in der Schlussdiskussion, dass er in den Favelas von Brasilien das erste Mal das Gefühl bekommen hat, dass das Lager zu einem ‚Laboratrium’ für Wandel werden kann. Darauf angesprochen, wie so etwas konkret aussehen könnte, verließ Agamben, dieser Frage ihre Legitimation absprechend, wutschnaubend den Saal.

Bauwelt, #47, 2005
(published in a slightly shortened version)